, Theater Allround

Wer bin ich? Bin ich wer? Und wenn ja, wie viele?

Über die Faszination, auf der Bühne verschiedene Identitäten auszuprobieren, und was das über das eigene Ich verrät.

Unser Alltag ist geprägt von den verschiedenen Rollen, die wir tagtäglich innehaben und deren wir meist nicht einmal bewusst sind. In der Familie bin ich Mutter, Tochter, Tante, Enkelin - in der Arbeit bin ich Kollegin, Beschwerdemanagerin. Logopädin oder Bestimmerin. In meiner Freizeit bin ich Regisseurin, Schauspielerin, Faulenzerin oder Schreibende. Und für den Busfahrer bin ich eine Kundin, für meine Ärztin bin ich Patientin... Wir sind nie alles auf einmal, aber jeden Tag so viel mehr als nur eine Rolle. 

Auf der Bühne können wir alles sein, oder auch nichts. Wir entscheiden uns dafür, wie wir eine Rolle füllen, welche Vita wir ihr geben und was sie tun oder lassen soll. Diese verschiedenen Identitäten auszuprobieren und unsere eigenen Grenzen kennenzulernen und zu erweitern, das ist der Teil am Theater-Machen, der mir persönlich am besten gefällt. Wo sonst kann ich alles ausprobieren, ohne die Konsequenzen tragen zu müssen? In der Probe sind wir "real unter imaginären Umständen" und sobald die Umstände weg sind, ist auch die Konsequenz nicht mehr vorhanden. Wir erfahren Gefühle, die im Alltag keinen Platz haben. Wir erleben Situationen mit Netz und doppeltem Boden, lassen uns fallen, sind real und doch nur imaginär. 

Und doch ist es so viel mehr als nur ein "Vorspielen". Wir leben und erleben reale Gefühle, wir erfahren uns selbst in Umständen, die im geschützen Rahmen der Probe stattfinden und wir lernen uns besser kennen. Immer wieder passiert es, dass nach einer Probe ein Ensemble-Mitglied sagt, dass etwas in ihr oder ihm passiert ist. Die Veränderung, der Lernprozess, findet real statt und bleibt bestehen, auch wenn die imaginären Umstände längst Vergangenheit sind. Das macht unsere Proben und die Arbeit im Theater Allround so wertvoll. 

Wer bin ich? Bin ich wer? Ja, wir alle sind, sogar ziemlich viele und interessante Gestalten. Überzeugt euch gern selbst beim nächsten Stück, Premiere ist im Oktober im Kulturklinker Barmbek